Wokeness & Diversity


Die gefährliche Dynamik hinter „Diese ganze Diversität wird uns noch in den Abgrund reißen“



Eine Aussage wie „Diese ganze Diversität wird uns noch in den Abgrund reißen“ mag auf den ersten Blick nur wie eine unbedachte Äußerung wirken. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich, wie tiefgreifend und gefährlich eine solche Bemerkung ist – nicht nur für die betroffenen marginalisierten Gruppen, sondern auch für die gesellschaftliche Struktur und den sozialen Zusammenhalt insgesamt.

1. Der Populismus der Vereinfachung

Populismus lebt von Vereinfachungen. Wenn jemand Diversität als „Gefahr“ bezeichnet, wird ein komplexes, facettenreiches Thema auf eine Bedrohung reduziert. Dabei wird Diversität – die natürliche Vielfalt menschlicher Identitäten, Lebensweisen und Perspektiven – in einen Gegensatz zu Stabilität und Sicherheit gesetzt.

Diese Rhetorik spaltet. Sie stellt ein „Wir“ gegen ein „Die“: ein angebliches homogenes, bedrohtes Kollektiv gegen eine Gruppe, die als Ursache allen Unheils dargestellt wird. Solche Mechanismen öffnen Türen für Diskriminierung und Rechtfertigung von Ausgrenzung.

2. Marginalisierte Menschen werden unsichtbar gemacht

Für marginalisierte Menschen – etwa trans Personen, Menschen mit Behinderungen, People of Color oder queere Menschen – bedeutet jede solche Äußerung eine Verkleinerung ihrer Lebenswelt. Sie signalisiert: „Du bist nicht willkommen. Deine Existenz ist ein Problem.“

Das hat reale Konsequenzen:

  • Diskriminierung wird salonfähig: Wenn Diversität als Gefahr dargestellt wird, wird es einfacher, Diskriminierung und Gewalt zu rechtfertigen.
  • Lebensräume werden eingeengt: Marginalisierte Menschen ziehen sich zurück, aus Angst vor Ablehnung, Hass oder Gewalt. Ihre Sichtbarkeit und Teilhabe am öffentlichen Leben nimmt ab.
  • Menschenwürde wird angegriffen: Wer behauptet, dass Vielfalt die Gesellschaft „zerstört“, stellt die Existenz und Rechte ganzer Gruppen infrage. Das verschiebt die Grenzen dessen, was als gesellschaftlich akzeptabel gilt – weg von Menschlichkeit und Respekt, hin zu Ausgrenzung und Erniedrigung.

3. Die Gefährlichkeit der Grenzverschiebung

Solche Aussagen sind nicht harmlos, weil sie die Grenzen des Sagbaren und Denkbaren verschieben. Was heute nur „lapidar“ dahingesagt wird, wird morgen zum politischen Programm. Und je öfter solche Aussagen unwidersprochen bleiben, desto tiefer setzen sie sich in den Köpfen fest.

Das Ergebnis: Eine Gesellschaft, die sich Stück für Stück von Grundwerten wie Würde, Respekt und Solidarität entfernt. Historisch gesehen waren es immer Grenzverschiebungen dieser Art, die den Boden für systematische Unterdrückung, Diskriminierung und Gewalt bereitet haben.

4. Die Schwierigkeit mit Ambiguität

Ein zentraler Grund, warum solche Aussagen auf fruchtbaren Boden fallen, ist die Ambiguitätstoleranz – oder besser gesagt: deren Fehlen. Viele Menschen tun sich schwer, mit Vielfalt und Widersprüchlichkeiten umzugehen. Es ist einfacher, in klaren Kategorien von „richtig“ und „falsch“, „wir“ und „die“ zu denken, als die Komplexität menschlicher Identitäten und Erfahrungen anzuerkennen.

Doch genau diese Anerkennung ist notwendig für eine funktionierende Gemeinschaft. Diversität ist keine Bedrohung – sie ist eine Stärke. Sie fordert uns heraus, empathischer, kreativer und offener zu sein. Sie lehrt uns, dass es mehr als eine Wahrheit, mehr als einen Weg gibt.

5. Diversität ist kein Luxus – sie ist unverzichtbar

Die Vielfalt der Menschen und ihrer Lebensweisen ist keine Modeerscheinung und kein Luxus, den wir uns nur in guten Zeiten leisten können. Sie ist ein Grundpfeiler menschlicher Gesellschaften. Diversität bereichert unsere Kultur, stärkt unsere Resilienz und macht uns als Gemeinschaft besser.

Jede Stimme, die gegen diese Vielfalt spricht, schlägt eine Bresche für Intoleranz, Hass und Ausgrenzung. Wir dürfen solche Aussagen nicht als „Meinung“ abtun, sondern müssen ihnen entschieden entgegentreten – mit Aufklärung, Empathie und dem klaren Bekenntnis zu den Werten von Gleichheit, Respekt und Menschenwürde.

Fazit

„Diese ganze Diversität wird uns noch in den Abgrund reißen“ ist keine harmlose Bemerkung. Sie ist ein Angriff auf die Grundlagen einer freien, gerechten und solidarischen Gesellschaft. Wer solche Sätze sagt, offenbart nicht nur Unwissenheit, sondern trägt auch aktiv dazu bei, eine Welt zu schaffen, in der Menschenrechte und Würde untergraben werden. Es liegt an uns, solchen Tendenzen mit Entschlossenheit zu begegnen – für alle Menschen, die in dieser Vielfalt ihr Zuhause finden.