Zwischen Himmel und Erde

Die Spannung von Erlösungs- und Schöpfungsspiritualität


Der Blick nach oben und der Blick um sich – beides sind Wege des Glaubens, doch sie führen oft in gegensätzliche Richtungen. In der christlichen Spiritualität stehen sich zwei Haltungen gegenüber, die nicht zwingend einander ausschließen, sich aber doch oft in einer unaufgelösten Spannung begegnen: die Erlösungsspiritualität, die den Fokus auf das Jenseits, auf das Heil der Seele und die Überwindung der irdischen Begrenzungen legt, und die Schöpfungsspiritualität, die Gott in der Welt, im Körperlichen, im Greifbaren und Erlebbaren sucht.


Die christliche Auferstehungshoffnung unterscheidet sich von der mythologischen darin, daß sie den Menschen in ganz neuer Weise an sein Leben auf der Erde verweist. | Dietrich Bonhoeffer


Die Erlösungsspiritualität betont die Transzendenz. Sie sieht die Welt als einen vergänglichen Ort, als eine Durchgangsstation, in der der Mensch letztlich nur ein Fremdling ist. Sie nährt sich aus der Sehnsucht nach der endgültigen Erlösung, nach der Befreiung aus einer gefallenen, leidvollen Welt. Für viele Menschen wird diese Spiritualität zur Antwort auf die Härten des Lebens, zur Hoffnung in einer oft trostlosen Realität. Doch sie birgt die Gefahr, sich aus der Welt zurückzuziehen, das Konkrete geringzuschätzen, ja die Schöpfung selbst als Hindernis auf dem Weg zu Gott zu sehen. Wer sich zu sehr auf den Himmel konzentriert, kann der Erde entrückt werden – verliert den Sinn für das Hier und Jetzt, für das Handeln im Diesseits.

Die Schöpfungsspiritualität hingegen wurzelt tief in der Erde. Sie erkennt die Gegenwart Gottes in den Dingen, im Atem des Lebens, in der Schönheit und Verwundbarkeit der Natur, in der leiblichen Existenz. Sie ist ein Glauben, der sich nicht in jenseitige Hoffnungen flüchtet, sondern sich in die Welt stellt, sie annimmt und gestaltet. Sie sieht die Schöpfung nicht nur als einen vergänglichen Vorhof zur Ewigkeit, sondern als einen Raum göttlicher Gegenwart, als etwas Heiliges, das bewahrt und geachtet werden muss. Während die Erlösungsspiritualität den Himmel ersehnt, bejaht die Schöpfungsspiritualität das Leben – mit all seinen Brüchen, Schmerzen und Schönheiten.

Gerade in der heutigen Zeit, in der ökologische Krisen, soziale Ungerechtigkeit und gesellschaftliche Spaltungen nach einer Antwort verlangen, stellt sich die Frage: Dürfen wir uns mit dem Verweis auf das Jenseits aus der Verantwortung für das Hier und Jetzt stehlen? Oder fordert der christliche Glaube nicht vielmehr ein tiefes Eingebundensein in die Schöpfung – ein Mitsorgen, Mittragen, Mitleiden und Mitschaffen?

Vielleicht ist die wahre Herausforderung nicht, sich für eine der beiden Haltungen zu entscheiden, sondern eine Balance zu finden: Ein Glaube, der die Hoffnung auf Erlösung nicht verliert, aber auch die Schönheit und Verantwortung des Geschaffenen ernst nimmt.

Ein Glaube, der sich nicht aus der Welt zurückzieht, sondern mitten in ihr steht – und darin Gott begegnet.