Eretz Israel – Großisrael
„Glaube denen, die die
Wahrheit suchen, und
zweifle an denen, die
sie gefunden haben.“
André Gide
Die Argumentation, dass die aktuelle Gewalt in Israel und Palästina eine göttliche Vorsehung sei, stützt sich häufig auf eine bestimmte theologische Strömung: den christlichen Zionismus. Diese Bewegung, die besonders in evangelikalen und charismatischen Kreisen verbreitet ist, interpretiert die Bibel so, dass das moderne Israel eine direkte Fortsetzung des biblischen Israel sei und dass die heutigen politischen Entwicklungen Teil eines göttlichen Plans sind.
„In der heutigen Zeit steht der Begriff Eretz Israel, wenn nicht im historischen oder religiösen Kontext gebraucht, für das Konzept von einem historischen Heimatland der Juden, das über das Staatsgebiets des Staates Israel hinausreicht, und wird in dieser Bedeutung etwa von Teilen der Kibbuzbewegung und insbesondere von der nationalreligiös motivierten israelischen Siedlerbewegung häufig verwendet, die bewusst auf vermeintlich altem jüdischem, heute jedoch meist arabisch bevölkertem Gebiet siedeln möchte. In der implizierten Bedeutung, dass das im Alten Testament verheißene Land vom Nil zum Euphrat dem Volk Israel, also dem jüdischen Volk gehöre, wird Eretz Israel auch als Kampfbegriff im Konzept eines in Zukunft zu schaffenden Großisrael gleichgesetzt.“ (Wikipedia)
Grundlagen dieser Sichtweise
- Alttestamentliche Verheißungen
- 1. Mose 12,3: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen.“
- 5. Mose 30,5: Die Verheißung, dass Gott sein Volk in das verheißene Land zurückbringen wird.
- Jesaja 66,8: Manche deuten diese Stelle als prophetische Vorhersage der Gründung Israels 1948.
- Eschatologische (endzeitliche) Deutungen
- Sacharja 14: Hier wird eine zukünftige Schlacht um Jerusalem beschrieben. Manche sehen darin aktuelle politische Entwicklungen.
- Matthäus 24: Jesus spricht über Kriege und Konflikte als Zeichen der Endzeit.
- Röm 11,25-26: Manche verstehen die „Heilung Israels“ als Zeichen für das nahe Kommen Christi und deuten die Existenz des modernen Staates Israel als Vorbote.
Problematische Konsequenzen dieser Theologie
- Übertragung alter Bundesverheißungen auf den modernen Staat Israel
Die Verheißungen des Alten Testaments betreffen das Volk Israel im Bund mit Gott. Der moderne Staat Israel ist jedoch ein säkularer Nationalstaat und nicht mit dem biblischen Israel gleichzusetzen. - Vernachlässigung der biblischen Ethik
Jesus fordert, Feinde zu lieben (Matthäus 5,44) und Frieden zu suchen (Matthäus 5,9). Eine Haltung, die Gewalt befürwortet, widerspricht der zentralen Botschaft des Evangeliums. - Antipalästinensischer Rassismus als „biblische Notwendigkeit“
Wer Gewalt gegen Palästinenser als „göttliche Vorsehung“ sieht, ignoriert, dass Jesus sich gerade um Unterdrückte gekümmert hat – egal welcher Herkunft.
Stützen vernünftige Theologen diese Sichtweise?
Die meisten ernstzunehmenden Theologen – selbst solche mit evangelikaler oder zionistischer Sympathie – warnen vor dieser Art der Instrumentalisierung. Einige Gegenpositionen:
- Jürgen Moltmann: Kritisiert christlichen Zionismus als theologisch unhaltbar, weil er das Reich Gottes mit einem Nationalstaat verwechselt.
- N.T. Wright: Argumentiert, dass die neutestamentliche Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen in Jesus Christus geschieht, nicht in einem politischen Staat.
- John Piper: Auch wenn er Israel positiv sieht, betont er, dass biblische Verheißungen nicht als Rechtfertigung für Krieg oder Vertreibung dienen dürfen.
Fazit
Die Vorstellung, dass Israel göttlich legitimiert ist, Palästinenser zu unterdrücken oder dass ihre Leiden „Gottes Plan“ sind, ist theologisch nicht haltbar. Sie widerspricht der Ethik Jesu, ignoriert die historische und politische Komplexität und instrumentalisiert die Bibel für politische Zwecke.