Die doppelte Tragödie der Friedensstifter
Die Toten können nicht mehr sprechen. Doch wenn sie es könnten, wäre ihr Aufschrei ohrenbetäubend. Menschen wie Vivian Silver, Hayim Katsman, Shani Louk oder Haim Perry verbrachten ihr Leben damit, Brücken zu bauen, wo andere Mauern errichteten. Sie kämpften gegen Hass, gegen Gewalt, gegen die Spirale der Vergeltung, die Israel und Palästina seit Generationen fesselt.
Ihr Engagement galt nicht
einer Seite gegen die andere,
sondern der Menschlichkeit
gegen die Unmenschlichkeit.
Am 7. Oktober wurden sie von der Hamas ermordet oder verschleppt – von jenen, die jede Form von Verständigung als Verrat betrachten. Doch der wahre Zynismus dieses Krieges liegt nicht nur in ihrem sinnlosen Tod, sondern auch darin, wie ihr Erbe nun missbraucht wird. Dieselbe israelische Regierung, die ihre Stimmen oft ignorierte, instrumentalisiert nun ihr Schicksal, um einen Krieg zu legitimieren, der Tausende unschuldige Palästinenser tötet – genau jene, für die diese Aktivist*innen ihr Leben eingesetzt haben.
Es ist eine bittere Perversion der Geschichte: Diejenigen, die ihr Leben dem Widerstand gegen die Unmenschlichkeit widmeten, werden posthum zu Werkzeugen eben jener Unmenschlichkeit gemacht. Ihr Einsatz für Gerechtigkeit wird nicht gewürdigt, sondern für eine Rhetorik der Rache genutzt. Ihre Namen werden nicht dazu aufgerufen, Frieden zu stiften, sondern um Bombenteppiche zu rechtfertigen.
Die Frage ist: Wer verteidigt heute ihren eigentlichen Kampf? Wer setzt sich dafür ein, dass ihre Lebenswerke nicht als bloße Randnotiz eines Krieges verblassen? Wenn ihre Ermordung als Rechtfertigung für die Zerstörung eines ganzen Volkes herangezogen wird, dann ist das nicht nur eine Tragödie – es ist eine Verhöhnung ihres Vermächtnisses.
Der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt hat schon zu viele Stimmen der Versöhnung zum Schweigen gebracht. Doch das größte Unrecht wäre es, ihnen posthum das Wort im Mund umzudrehen. Wenn ihr Tod nicht als Mahnung, sondern als Kriegstreiber-Propaganda dient, dann haben wir endgültig vergessen, wofür sie standen. Und genau das darf nicht geschehen.