„Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“
Diese Worte von André Gide klingen provokant und stellen die menschliche Neigung zur Selbstgewissheit infrage. In einer Welt, in der jeder von seiner eigenen Wahrheit überzeugt ist, fordert Gide uns heraus, die Haltung des Zweifels zu kultivieren – nicht gegen die Wahrheit, sondern gegen die Vorstellung, dass wir sie bereits vollständig besitzen.
Dieser Appell ist besonders relevant, wenn wir über den christlichen Glauben nachdenken. Als Nachfolger Christi glauben wir an die objektive Wahrheit des Evangeliums – und doch gibt es eine Gefahr, die mit dieser Überzeugung einhergeht: die Gefahr der Selbstgenügsamkeit. In Prediger 8,17 spricht der weise König Salomo von der Begrenztheit menschlichen Wissens: „Ich erkannte, dass der Mensch nicht ergründen kann, was unter der Sonne geschieht, obwohl er sich abmüht, nach ihm zu forschen. Und auch der Weise erkennt es nicht, und der Verständige begreift es nicht.“
Salomo, der als einer der weisesten Menschen der Bibel gilt, macht uns auf unsere Beschränktheit aufmerksam. Selbst der klügste Mensch muss anerkennen, dass er nicht alles weiß, dass es Geheimnisse gibt, die jenseits unserer Erfassung liegen. Dieser Vers lehrt uns eine wesentliche Haltung der Demut: Die Erkenntnis, dass es immer mehr zu lernen gibt, selbst in den Bereichen, die wir für sicher und klar halten.
Für uns als Christen bedeutet das: Die Wahrheit des Evangeliums ist ein unermesslicher Schatz, aber wir müssen vorsichtig sein, wie wir sie in die Welt tragen. Es ist leicht, von der eigenen Überzeugung so überzeugt zu sein, dass wir sie als die einzige, endgültige Antwort sehen – und dabei die Weisheit und die tieferen Mysterien, die Gott uns offenbaren möchte, übersehen. Wir müssen uns ständig fragen, ob wir wirklich demütig genug sind, die Wahrheit nicht nur zu predigen, sondern sie auch in einer Haltung der Suche zu leben.
Denn der Glaube lebt nicht nur von dem, was wir wissen, sondern von dem, was wir bereit sind zu lernen und zu hinterfragen. Die Einladung, die Gide ausspricht, ist nicht, die Wahrheit zu relativieren, sondern eine Haltung der Offenheit gegenüber der Weitergabe und Vertiefung des Glaubens zu pflegen. Es ist eine Aufforderung, wachsam zu sein gegenüber dem Stolz, der uns glauben lässt, dass wir bereits die ganze Wahrheit gepackt haben. Stattdessen sollten wir uns bemühen, mit einer tiefen Demut in der Wahrheit zu wandeln – wissend, dass Gottes Weisheit unermesslich größer ist als unser Verstand.
Doch eine weitere Gefahr lauert in der Selbstgenügsamkeit vieler Gläubiger, die sich in die vermeintliche Sicherheit ihres Glaubens zurückziehen und sich ihrer Verantwortung für die Gegenwart entziehen. Es ist bequem, sich mit der Gewissheit des kommenden Reiches Gottes zu beruhigen und sich aus den Mühen der Welt zurückzuziehen – aus Politik, sozialen Herausforderungen, kulturellen Umbrüchen. Doch Christus selbst hat uns nicht dazu berufen, uns von der Welt abzuwenden, sondern mitten in ihr Licht und Salz zu sein (Matthäus 5,13-16). Wir dürfen das Unrecht nicht ignorieren und können nicht einfach die Augen vor der Not der Schwachen verschließen. Wenn wir wirklich an das kommende Reich Gottes glauben, dann müssen wir gerade jetzt so handeln, dass dieses Reich in unserem Leben sichtbar wird. Es ist unser Auftrag, den Schutzlosen beizustehen, für Gerechtigkeit einzutreten und nicht passiv auf Gottes Eingreifen zu warten, während Menschen unter Ungerechtigkeit leiden. Ein Christentum, das sich vor der Realität versteckt, ist kein gelebtes Christentum. Der wahre Glaube zeigt sich in der Bereitschaft, für andere Verantwortung zu übernehmen – gerade für die, die keine Stimme haben, die unterdrückt werden oder übersehen bleiben.
In diesem Sinn rufen uns sowohl die Worte von Gide als auch die Weisheit Salomos zu einem Glauben der Wachsamkeit und der Bescheidenheit auf. Wer die Wahrheit sucht, ist dem Glauben näher als der, der glaubt, sie schon gefunden zu haben. Lasst uns also in unserem Glauben nie stehen bleiben, sondern in einem ständigen Suchen und Staunen vor Gott leben, der die wahre Weisheit besitzt. Und lasst uns dabei nicht nur nach Erkenntnis streben, sondern aktiv Verantwortung für die Welt übernehmen, in der wir leben – im Namen dessen,