Sexagesimä | Aus Gottes Wort leben – einsam und gemeinsam

Sexagesimä – Der Sonntag des Wortes Gottes

Das Gleichnis von der aufgehenden Saat
Predigt von Dr. Roger Mielke Sexagesimä, 22. Februar 2020

Aufzeichnung einer Predigt aus der evangelischen Gemeinde Bendorf am Rhein

Sexagesimä (lat. „der sechzigste“) ist der zweite der drei sogenannten Vorfastensonntage vor Aschermittwoch, benannt nach der ungefähren Anzahl von Tagen (etwa 60) bis Ostern. Zusammen mit Septuagesimä und Estomihi bildet er eine Art Vorbereitungszeit auf die Fastenzeit. Im Mittelpunkt von Sexagesimä steht das Wort Gottes – seine Kraft, seine Wirkung und die Frage nach dem fruchtbaren Boden unserer Herzen.


Liturgischer Ort im Kirchenjahr

Der Sonntag Sexagesimä fällt in eine Zeit des Übergangs: Die Weihnachts- und Epiphaniaszeit ist abgeschlossen, die Passionszeit beginnt bald. Liturgisch ist er geprägt von einer gewissen Ernsthaftigkeit: In der lutherischen und römischen Tradition wird in diesen Wochen kein „Halleluja“ mehr gesungen, kein „Gloria in excelsis Deo“. Die Farbe Violett hält noch nicht Einzug, aber die Töne sind gedämpfter. Es ist eine Zeit der inneren Sammlung – ein geistlicher Vorfrühling, in dem der Boden bereitet wird.


Evangelium: Das Gleichnis vom Sämann (Lukas 8,4–15)

Im Mittelpunkt des Sonntags steht das berühmte Gleichnis vom Sämann. Jesus erzählt:

„Ein Sämann ging hinaus, um zu säen. Und beim Säen fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel fraßen es auf. Anderes fiel auf Fels, und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Anderes fiel mitten unter die Dornen, und die Dornen wuchsen mit ihm auf und erstickten es. Und anderes fiel auf gutes Land, ging auf und trug hundertfach Frucht.“

Jesus deutet dieses Gleichnis selbst: Der Same ist das Wort Gottes, das auf ganz unterschiedliche Böden trifft – auf harte, steinige, dornige und auf fruchtbare Herzen. Diese Bilder regen zur Selbsterforschung an: Wie empfange ich das Wort Gottes? Wie oft prallt es ab, erstickt oder verdorrt es? Und wo trägt es Frucht – und wie kann ich diesen Boden in mir pflegen?


Theologisches Thema: Die Macht des Wortes

Sexagesimä konfrontiert uns mit einer der zentralen Fragen christlicher Existenz: Was macht das Wort Gottes mit uns – und was machen wir mit dem Wort Gottes?

  • Der Same ist kraftvoll, lebendig, verheißungsvoll.
  • Der Boden steht für unser Inneres – für Offenheit, Tiefe, Widerstände, Ängste, Ablenkung.

Die Botschaft ist klar: Das Wort Gottes ist keine Theorie, sondern eine Kraft, die Leben schenkt, verwandelt, aufweckt – wenn wir sie hören und beherzigen. Dieser Sonntag fordert dazu auf, sich ehrlich zu fragen, ob wir Gottes Wort nur hören oder auch verinnerlichen, ob es unser Leben bestimmt oder nur am Rand existiert.


Historische Wurzeln und liturgische Entwicklung

Der Name Sexagesimä stammt aus dem altkirchlichen römischen Brauch, die Fastenzeit durch eine Vorbereitungszeit zu rahmen. In der Reformation wurde dieser Brauch vielerorts beibehalten. In lutherischen und anglikanischen Kirchen hat sich das „Vorfasten“ mit seinen drei Sonntagen (Septuagesimä, Sexagesimä, Estomihi) bis heute erhalten – als eine Zeit, in der Einkehr und Besinnung im Mittelpunkt stehen, aber noch nicht die strenge Buße der Passionszeit.

Die alte Introitus-Antiphon zu Sexagesimä stammt aus Psalm 44,23:

„Wach auf, Herr! Warum schläfst du?“
Sie erinnert an das Gefühl der Gottverlassenheit – und an das Vertrauen, dass Gott auch dann wirkt, wenn wir ihn nicht spüren.


Ein Sonntag für unser Inneres: Boden bereiten

Sexagesimä ist ein Sonntag der Selbstprüfung und der inneren Vorbereitung. Es ist kein lauter, kein triumphierender Sonntag, sondern ein nachdenklicher: Wie kann ich mich öffnen für Gottes Wort? Welche inneren Widerstände will ich erkennen? Was kann ich tun, damit das Wort Gottes in mir Wurzeln schlagen kann?

Er erinnert uns auch daran, dass das Leben keine rein menschliche Aussaat ist: Nicht alles, was wir tun, wird Frucht bringen. Aber wo Gottes Wort fällt – und unser Herz aufnahmebereit ist –, dort kann etwas wachsen, das größer ist als wir selbst.


Geistliche Impulse für die Woche

  • Einmal täglich bewusst hören: Lies oder höre einen Vers der Bibel und spüre ihm nach. Nicht schnell, sondern wie ein Samenkorn, das in die Erde fällt.
  • Was ist mein „steiniger Boden“? Wo fehlt mir Tiefe, Geduld, Vertrauen? Bring es im Gebet vor Gott.
  • Aussaat im Alltag: Wo kann ich Worte des Lebens in andere hineinsäen – ohne Druck, aber mit Vertrauen in die Kraft Gottes?

Fazit: Sexagesimä – Ein Sonntag der inneren Vorbereitung

Sexagesimä ist kein spektakulärer Sonntag – aber einer, der das Herz berührt, wenn man sich auf ihn einlässt. Er lehrt Geduld, Aufmerksamkeit, Offenheit. Er spricht davon, dass Gottes Wort in eine Welt fällt, die oft abgelenkt, verhärtet oder überfordert ist – und doch Frucht bringen kann.

Es ist ein Sonntag der Hoffnung – und der Einladung, den eigenen Boden zu bereiten, bevor der Weg nach Golgatha beginnt.

Jesus erklärte weiter: »Gottes Reich kann man vergleichen mit einem Bauern und der Saat, die er auf sein Feld gesät hat. Nach getaner Arbeit legt er sich schlafen, steht wieder auf, und das tagaus, tagein. Währenddessen wächst die Saat ohne sein Zutun heran. Ganz von selbst lässt die Erde die Frucht aufgehen: Zuerst kommt der Halm, dann die Ähre und schließlich als Frucht die Körner. Sobald aus der Saat das reife Getreide geworden ist, lässt der Bauer es abmähen, denn die Erntezeit ist da.«

Markus 4, 26–29
Der Sämann
Medarduskirche vor der Zerstörung im 2. Weltkrieg

Medarduskirche nach der Zerstörung Silvester 1944/45

Medarduskirche nach dem Wiederaufbau 1961

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..