Wahrhaftigkeit in schwieriger Zeit – ein Impuls zur Unterscheidung
Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, sie müssten „endlich mal die Wahrheit sagen“. Sie sprechen laut, oft wütend, manchmal sogar verletzend – und sehen sich selbst als mutige Wahrheitssprecher. Doch was heißt das eigentlich: die Wahrheit sagen?
Der Philosoph Michel Foucault hat das altgriechische Wort Parrhesia wieder ins Gespräch gebracht – es bezeichnet das mutige, freie und verantwortliche Sprechen der Wahrheit. Und dieses Sprechen hat klare Kennzeichen:
- Es ist genau – vermeidet Verallgemeinerungen und Vereinfachungen.
- Es ist mutig – weil es ein echtes Risiko birgt, nicht nur Empörung.
- Es ist dienend – es sucht das Wohl des Gegenübers, nicht den eigenen Applaus.
- Es ist selbstkritisch – es schließt den Mut ein, auch sich selbst infrage zu stellen.
Wenn jemand sagt: „Die Ausländer …“, „Die da oben …“, „Das darf man ja wohl noch sagen …“ – dann klingt das oft nicht nach Wahrheit, sondern nach Parole.
Und wer sich in einem demokratischen Staat mit den Opfern eines totalitären Regimes vergleicht, verkennt zutiefst, was wirklicher Mut zur Wahrheit einmal bedeutet hat.
Als Christ:innen wissen wir:
„Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,32) –
aber sie macht uns nicht frei, andere zu verurteilen. Sie macht uns frei, die Angst zu verlieren, auch uns selbst die Wahrheit zu sagen.
Und sie macht uns frei, für andere in Liebe zu sprechen, statt über sie in Härte.
Parrhesia ist kein Aufruf zur Lautstärke – sondern zur inneren Aufrichtigkeit.
Kein Freibrief zur Kritik – sondern eine Einladung zur Umkehr.
Kein Mittel zur Spaltung – sondern ein Weg zur Reifung.
Vielleicht ist das in dieser Zeit eine unserer Aufgaben als Christ:innen:
Nicht lauter zu sprechen – sondern echter, klarer, liebevoller.
Und dem nachzuspüren, was Jesus meint, wenn er sagt:
„Eure Rede sei Ja, ja – Nein, nein. Was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Mt 5,37)