Heul leise | Die Idee ist größer als dein Trauma …

Warum der Kommunismus nicht am Trauma Konstantin Kisins scheitert

Wenn Konstantin Kisin den Kommunismus mit einem bitteren Satz wie „Communism loved 50 million people to death in my country“ aburteilt, dann spricht da nicht nur ein politischer Kommentator – sondern ein Mensch, der ein kollektives Trauma geerbt hat. Das ist ernst zu nehmen. Die Schrecken der Stalinzeit, die Gewalt, der Hunger, der Zynismus, mit dem Millionen geopfert wurden – all das ist ein dunkles Kapitel der Geschichte, das in Familien wie der Kisins bis heute nachwirkt.

Aber es ist kein Argument gegen die Idee des Kommunismus.

Denn eine Idee ist nicht dasselbe wie ihre pervertierte Ausführung.
Die Tatsache, dass eine Idee missbraucht, instrumentalisiert oder autoritär umgesetzt wurde, sagt nichts darüber aus, ob sie im Kern falsch ist. Wenn das ein valides Argument wäre, müssten wir auch das Christentum, die Demokratie und den Liberalismus beerdigen – sie alle haben Blut an den Händen, nicht durch ihre Idee, sondern durch ihre historischen Ausprägungen.

Der Kommunismus – verstanden als Vision einer herrschaftsfreien, klassenlosen Gesellschaft – mag aus heutiger Sicht naiv erscheinen. Aber er entspringt einem moralischen Impuls, der aktueller ist denn je: der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Befreiung von Ausbeutung, nach einer Welt, in der Menschen nicht Ware sind.

Diese Vision ist größer als das persönliche, biografische Leiden ihrer Kritiker. Denn: Wenn wir anfangen, politische Ideen nur noch durch die Brille individueller Traumata zu bewerten, können wir jeden Diskurs beenden. Dann wird jede Kritik zur Kränkung, jede Vision zur Gefahr, jede Utopie zur Bedrohung des persönlichen Sicherheitsgefühls.

Konstantin Kisin hat das Recht, seine Geschichte zu erzählen. Aber sie ist nicht das Maß aller Dinge. Sie ist nicht der Lackmustest für Wahrheit, Gerechtigkeit oder politisches Denken.

Im Gegenteil: Wer eine Gesellschaft will, die frei ist von der Tyrannei der Macht, der Angst und des entfesselten Kapitals – der sollte sich nicht von persönlichen Narrativen abschrecken lassen, sondern sich der Mühe unterziehen, zwischen Idee und Ausführung, Vision und Verbrechen zu unterscheiden.

Der Kommunismus hat schreckliches Leid hervorgebracht – ja.
Aber er ist nicht identisch mit Stalinismus.
So wenig wie das Christentum mit der Inquisition.
So wenig wie der Kapitalismus mit dem Hunger in Jemen oder dem Kinderabbau in Kobaltminen.

Die Frage ist also nicht, ob Konstantin Kisin verletzt ist. Die Frage ist, ob wir aus der Geschichte lernen – und Ideen nicht den Diktatoren überlassen, die sie missbraucht haben.