Und warum wir die Idee nicht dem Missbrauch überlassen sollten
1. Der Ursprung: Eine uralte Idee
Die Vorstellung, dass Menschen Besitz teilen, einander helfen und niemand im Überfluss lebt, während andere hungern, ist so alt wie die Menschheit selbst.
Sie findet sich:
- in vormodernen Gesellschaften ohne Privateigentum,
- in der Apostelgeschichte („Sie hatten alles gemeinsam“, Apg 4,32),
- in frühchristlichen Klöstern,
- in utopischen Schriften wie Thomas Morus’ Utopia (1516).
Der Kommunismus als Idee bedeutet:
Gemeinschaftliches Leben, gerechte Verteilung, Überwindung von Ausbeutung.
Das ist kein Gewaltprogramm, sondern eine Vision von Menschlichkeit.
2. Marx und Lenin – nicht die Erfinder
Karl Marx hat im 19. Jahrhundert diese Grundidee philosophisch und historisch-systematisch aufgearbeitet:
- Er sah Geschichte als Kampf zwischen Unterdrückern und Unterdrückten.
- Ziel: Eine klassenlose Gesellschaft, in der niemand mehr vom Eigentum anderer lebt.
Lenin hat diese Vision in politische Macht übersetzt:
- Revolution, Parteiherrschaft, „Diktatur des Proletariats“.
Daraus wurden – in der Geschichte – oft autoritäre Systeme, die mit dem ursprünglichen Ideal nichts mehr zu tun hatten.
3. Idee ≠ Umsetzung
Es ist falsch, eine Idee an ihren schlimmsten Umsetzungen zu messen.
Wenn wir das täten, müssten wir auch:
- das Christentum wegen der Kreuzzüge verwerfen,
- die Demokratie wegen Kolonialismus und Populismus aufgeben,
- den Kapitalismus wegen Armut und Umweltzerstörung verbieten.
Wir dürfen die Idee des Kommunismus nicht verteufeln, nur weil sie missbraucht wurde.
Im Gegenteil: Wir sollten sie ernsthaft prüfen – jenseits der ideologischen Karikaturen.
4. Gelebter Kommunismus ohne Diktatur – gibt es das?
Ja – z. B.:
- Kibbuze in Israel: freiwillige, gemeinschaftlich organisierte Dörfer mit geteiltem Eigentum.
- Frühsozialistische Genossenschaften wie bei Raiffeisen.
- Moderne Kooperativen (z. B. Mondragón in Spanien)
- Apostolische Urgemeinde in Jerusalem.
Diese Beispiele zeigen:
Gemeinschaftlich leben und wirtschaften geht – ohne Gewalt, ohne Zwang, ohne Ideologie.
5. Warum es heute wichtig ist
Wenn heute reflexhaft gegen den „Kommunismus“ gewettert wird, geht es oft nicht um reale Bedrohungen, sondern um:
- Pauschale Ablehnung jeder Systemkritik,
- Angst vor staatlicher Regulierung,
- Verteidigung von Besitzständen.
Dabei ist gerade die ursprüngliche Idee des Kommunismus eine Mahnung zur Gerechtigkeit:
- Nicht jeder muss gleich sein,
- aber niemand soll unmenschlich leben müssen,
- und niemand darf Macht über andere aus reinem Besitz ableiten.
Fazit
Der Kommunismus ist nicht gescheitert, weil er falsch war.
Er wurde zerstört, weil Menschen ihn ideologisch verzerrt und gewaltsam erzwungen haben.
Aber die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Gemeinschaft und einem Leben ohne Ausbeutung –
die lebt.
Vielleicht nicht unter der Fahne des Kommunismus.
Aber ganz sicher im Geist Jesu.